Fotoarchiv

Die Sammlung von Fotodokumenten durch das Museum “Kunst und Alltag im GULag” zählt zur Zeit ungefähr 6.000 Einheiten zu folgenden Themenkreisen:

Die Geschichte der politischen Repression in der UdSSR

Zu den interessantesten Stücken unserer Sammlung gehören die  Fotoreportagen über den Bau der BAM (Baikal-Amur-Magistrale) und des Weißmeerkanals.

Bis Mitte der 30er Jahre war das Prinzip, Verurteilte zu Erbauern der neuen Gesellschaft umzuerziehen, bestimmend im sowjetischen System der Arbeitsbesserungseinrichtungen. Zur Anfertigung propagandistischer Fotoreportagen über diesen Prozeß wurden  spezielle Journalistenbrigaden an diese Orte entsandt. Dieser Herkunft sind die oben genannte Aufnahmen. Sie zeigen den Alltag in den Lagern, Arbeitskolonnen und einzelne Gefangene, ebenso Szenen der klassischen Lagerarbeit – die im Roden von Wäldern, Transport von Sand in Schubkarren, Verlegen von Eisenbahnschwellen bestand.

Eine Reihe von Aufnahmen zeigt die Orte, an denen sich die Arbeitslager befanden, lange nach Ende der Repressionen. Diese beeinruckenden Fotografien stammen vom Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre. Die Lager rosten vor sich hin. Zurückbleiben allein die riesenhaften Bauwerke des „Todesweges“ Salechard – Igarka (Brücken, Bahnhöfe, Wege), bei dem Tausende Gefangene ihr Leben ließen.

Aus den 30er Jahren sind uns einige Fotodokumente über politische Prozesse überliefert — angefangen von Verhören in den ländlichen Parteizellen, Versammlungen von Arbeitern, die begeistert für die Erschießung der Angeklagten stimmen. Maßstäbe und Methoden der Repression spiegeln sich deutlich in den Fotografien von ausgehobenen Massengräbern der Opfer des Terrors wieder — Haufen von Knochen, Patronenhülsen, aus den Gräbern zu Tage geförderte Brillen, Schuhe, Becher und ähnliches, ebenso einige Tausende Fotoporträts von den zum Tode Verurteilten aus den sogenannten „Erschießungslisten“, die durch die Ermittlungen des FSB zusammengestellt werden konnten.

Alltag, offizielle Aktionen und historische Ereignisse von 1917 bis 1985

Ohne Kenntnis der allgemeinen Verhältnisse im Land, ist eine wirkliche Vorstellung über die Periode der Massenrepressionen nicht möglich.

Im scharfen Kontrast zum Schicksal der Opfer des totalitären Regimes stehen die Bilder pompöser offizieller Feiern – von Paraden, Demonstrationen und Festakten. Die ideologische Beeinflussung der Bevölkerung begann bereits in den Kinderjahren. Die Fotografien spiegeln die Pionier- und Komsomolarbeit wieder — Appelle, Versammlungen, Paraden.

Der Alltag der sowjetischen Menschen spiegelt sich in zwei Facetten wider: Einige Bildern zeigen das, was man man von offizieller Seit aus sehen wollte — das unermeßlich glückliche Leben in der UdSSR. Anderen hingegen zeichnen ein wahrheitsgemäßes Bild, mit aller Objektivität, die der Fotografie zur Verfügung steht.

Einige Fotografien nehmen auf historische Ereignisse Bezug, die die Periode der Repression begleiteten — Krieg, Hunger, Schlüsselmomente der internationalen Beziehungen.

Von Interesse sind jene Aufnahmen, die im Jahr 1989 für eine von MEMORIAL organisierte  Ausstellung gesammelt wurden: Diese war dem 50jährigen Jubiläum des Molotow-Ribbentrop-Paktes gewidmet. Diese Sammlung widerspiegelt die Geschichte der Unterzeichnung des Paktes, die darauf folgende Okkupierung der Westukraine, Weißrußlands und der baltischen Staaten, den sowjetischen Terror und den Widerstand in diesen Gebieten, die Erschießung in Chatyn, den Finnischen und Vaterländischen Krieg. Um die wissenschaftliche Arbeit mit diesem Bestand zu erleichtern, enthält die Sammlung nicht nur Fotografien, sondern auch Erinnerungen, Dokumente, Karten und Publikationen in Zeitungen.

Anzeichen einer gesellschaftlichen Aktivität nach 1985

Mit Einsetzen der Perestroika ergab sich zum ersten Mal die Möglichkeit, offen über die Verbrechen des Stalinismus. Es begann der Prozeß der Demokratisierung der sowjetischen Gesellschaft.

Die Aufnahmen, die im Fotoarchiv MEMORIAL aufbewahrt werden, zeigen die zahlreichen Treffen und Demonstrationen 1989 und Anfang der 90er Jahre, die Aktivisten der demokratischen Bewegung, die Wahlkampfveranstaltungen der Volksdeputierten, den kommunistischen Putsches 1991, aber auch die Treffen von „Pamjatj“ (dtsch.: „Gedenken“), die als erste offene Äußerungen eines aggressiven Nationalismus zu werten sind.

Die Geschichte der Gesellschaft „Memorial“

Im Jahr 1985 entstand ein breite gesellschaftliche Bewegung, die eine Aufklärung über den kommunistischen Terror forderte. Diese Bewegung wurde von verschiedenen Organisationen und bekannten gesellschaftlichen Persönlichkeiten getragen. Unser Archiv sammelt und bewahrt diese Bilder, die inzwischen schon Geschichte geworden sind. Das ist nicht nur die Geschichte von MEMORIAL, sondern die Geschichte eines ganzen Landes — Fotografien der ersten Protestaktionen, die öffentlichen Forderungen, der Opfer zu gedenken, die vorbereitende Konferenz von MEMORIAL 1988 und die Gründungskonferenz im Jahre 1989.

Viele Aktionen, die MEMORIAL hervorgebracht haben, besaßen zur damaligen Zeit eine starke gesellschaftliche Resonanz: die „Woche des Gewissens“ im Dezember 1988, die Menschenkette mit Kerzen rund um das KGB-Gebäude auf dem Lubjanka-Platz in Moskau am Tag des politischen Gefangenen am 30. Oktober 1989  - schließlich, genau ein Jahr später, die Einweihung des ersten Denkmals für die Opfer des stalinistischen Terrors an diesem Ort.

Auf diesen Bildern sieht man bekannte Persönlichkeiten der Kultur und der Politik: die Schauspieler M. Uljanow und P. Weljaminow, die Schriftsteller J. Karjakin und J. Jewtuschenko, den Philosophen R. Pimenow, den Sänger J. Kim, ebenso J. Afanasjew, B. Jelzin, G. Popow, G. Starowojtowa und viele andere.

Einen besonderen Platz nehmen die Fotografien von Andrej Dmitrijewitsch Sacharow und Sergej Adamowitsch Kowaljow ein.

Der Physiker Sacharow war einer der Mitbegründer von MEMORIAL und bis zu seinem Tod Vorsitzender der Gesellschaft. Aus diesem Grund gibt es bei uns viele Aufnahmen, die ihn auf Versammlungen von MEMORIAL, bei Treffen mit Aktivisten und auf Pressekonferenzen zeigen.

Sergej A. Kowaljow ist der einzige aus dem Kreis der bekannten Persönlichkeiten in Kultur und Politik, der auch, nachdem das anfängliche gesellschaftliche Interesse am Thema Repression nachließ, mit MEMORIAL zusammenarbeitete. Er wurde 1998 zum Vorsitzenden der Russischen Gesellschaft MEMORIAL gewählt. So erweitert sich unser Fotoarchiv fortwährend mit Aufnahmen über seine Teilnahme an internationalen Treffen, seine Reisen zu “Brennpunkten”, seine Gespräche mit Flüchtlingen und Opfern der Repression.

Was MEMORIAL selbst betrifft, so dokumentieren die Bilder, die unsere Arbeit widerspiegeln, zunehmend wissenschaftliche Konferenzen, Präsentationen neuer Bücher, Ausstellungen und neue Denkmäler.

Außer dem Moskauer MEMORIAL existieren über ganz Rußland verteilt sowie im Ausland regionale MEMORIAL-Gesellschaften. Unser Fotoarchiv spiegelt ihre Aktivitäten wieder — die Untersuchung von Massengräbern, die Einweihung neuer Denkmäler, Hilfe für Repressionsopfer und Ausstellungseröffnungen.

Das MEMORIAL-Archiv speist sich aus verschiedenen Quellen: Ein Teil der Fotografien wurde von unseren Mitarbeitern in den staatlichen Archiven in Moskau und anderen Städten zusammengetragen; andere Aufnahmen wurden uns von professionellen Fotografen übergeben, wieder andere von Menschen, die sich mit der Bewegung von MEMORIAL verbunden fühlen — beispielsweise von Besuchern, die zu unseren Konsultationen kommen.