Der historische Hintergrund
des russisch-tschetschenischen Konflikts

Der russischen Eroberung im 19. Jahrhundert widersetzten sich kaukasische Stämme im tschetschenischen Bergland mit einem jahrzehntelangen Guerillakrieg. Die Russen antworteten mit einer Strategie der verbrannten Erde und massenhaften Umsiedlungen. Schliesslich gelang es ihnen, den Nordkaukasus einzunehmen.

Zum Oktoberumsturz 1917 und dem nachfolgenden Bürgerkrieg verhielten sich Tschetschenen und Inguschen zunächst neutral, unterstützten dann jedoch den revolutionären Sowjet von Wladikawkas. Nach dem Sieg der Roten Armee im Kaukasus versuchte die sowjetische Politik, durch eine heftige antireligiöse Kampagne die traditionellen Kulturen und Stammesstrukturen zu zerstören und gewährte gleichzeitig Autonomie im Rahmen der RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik).

Der Sowjetisierung widersetzte sich kaum ein Volk so vehement wie die von Sufi-Bruderschaften geprägten Tschetschenen mit ihrer Clanloyalität. Die Kollektivierung wurde weitgehend unterlaufen (mancherorts wurde die Wirtschaft eines Clans schlicht zum Kolchos umetikettiert).

Vom stalinistischen Terror blieb die ASSR (Autonome Sozialistische Sowjetrepublik) der Tschetschenen und Inguschen nicht verschont; dort wurden etwa 14.000 Menschen verhaftet (2% der Bevölkerung).

Anfang 1940 proklamierte Chasan Israilov den “Befreiungskrieg” und setzte eine “vorläufige revolutionäre Volksregierung von Tschetschenien und Inguschetien” ein. Israilov rief zur Zusammenarbeit mit den herannahenden Deutschen auf, und es kam zu Desertionen inguschetischer und tschetschenischer Soldaten. Im März 1942 wurde deren Einberufung in die Rote Armee vorläufig eingestellt, um die Aufständischen nicht noch mit Waffen auszurüsten. Diese hielten mehrere Gebiete in den Bergen, bis sie im Herbst 1942 durch die sowjetische Luftwaffe vernichtet wurden.

Die Deutschen haben bis auf ein schmales Gebiet bei Malgobek die ASSR der Tschetschenen und Inguschen nie betreten. Die Deportation dieser beiden Völker im März 1944 ist also weniger als Racheakt für Kollaboration mit den Deutschen als für den Aufstand anzusehen. Bei den Zwangsumsiedlungen nach Mittelasien und Sibirien kam ein bedeutender Teil der Bevölkerung ums Leben.

In den entvölkerten Gebieten wurden Russen und Angehörige anderer Nationalitäten angesiedelt. Die Orts- und Flurnamen wurden geändert; Einrichtungen, die das nationale Gedächtnis bewahren wie beispielsweise Friedhöfe, wurden ausgelöscht. Die ASSR wurde aufgelöst.

Im Juli 1954 fasste der Ministerrat der UdSSR den Beschluss “Über die Aufhebung bestimmter Beschränkungen des Rechtsstatus verbannnter Personen”. Und auf dem 20. Parteitag 1956 rehabilitierte Chruschtschow in seiner Geheimrede die deportierten kaukasischen Völker. Durch beide Signale ermutigt, kehrten Tschetschenen und Inguschen eigenmächtig in ihre Heimat zurück, was trotz Verhaftungen und erneuten Deportationen nicht verhindert werden konnte. Ende 1956 waren bereits 25.000-30.000 Menschen zurückgekehrt.

Daraufhin verabschiedete das ZK der KPdSU am 24. November 1956 den Beschluss “Über die Wiederherstellung der nationalen Territorien der Kaukasusvölker”. Im Januar 1957 wurde die ASSR der Tschetschenen und Inguschen wiederhergestellt. Allerdings gab es dabei Grenzveränderungen, bei denen der westliche Streifen der vormaligen ASSR der Tschetschenen und Inguschen, eines der wichtigsten Siedlungsgebiete der Inguschen, an die Nordossetische ASSR fiel, was Spannungen bis in die jüngste Zeit zur Folge hatte.

Die Rückkehr führte zu Auseinandersetzungen mit den neuen Siedlern, von denen ein Teil gegen den ausdrücklichen Willen von Partei und Behörden die ASSR verliess. Zwischen 24. und 28. August 1958 kam es in Grosny zu schweren Ausschreitungen. Den Anlass für die Demonstrationen und pogromartigen Ausschreitungen der russischen Bevölkerung gegen Tschetschenen und Inguschen bot die Beerdigung eines von einem Inguschen in einer Schlägerei getöteten Russen. Nachdem bewaffnete Truppen die Ruhe wiederhergestellt hatten, wurde keiner der russischen Aufwiegler vor Gericht gestellt. Die Presse schürte weiterhin die Stimmung gegen Inguschen und Tschetschenen.

In Nordossetien begehrten immer wieder Inguschen gegen die Grenzverschiebung auf. Am 23. Februar 1973 begannen in Grosny mehrtägige gewaltfreie Demonstrationen gegen die Diskriminierung von Inguschen in Nord-Ossetien. Der Parteiführung in Grosny wurden Petitionen mit Tausenden von Unterschriften überreicht.

Die Angehörigen der vormals deportierten Völker des Nordkaukasus hielten stärker als die anderer Nationalitäten in der Sowjetunion an ihren Muttersprachen fest. Auch in der Partei blieben Tschetschenen und Inguschen nach 1959 stark unterrepräsentiert. Sie liessen sich die gesamte sowjetische Geschichte hindurch so gut wie nicht in die sowjetische Gesellschaft integrieren. Die Deportation hat dabei eine herausfordernde Rolle gespielt und die Organisationsformen von Bruderschaften und Clans noch gestärkt statt geschwächt.

Im September 1991 erklärten die Tschetschenen ihre staatliche Unabhängigkeit.

Am 11. Dezember 1994 unterzeichnete Präsident Jelzin den Ukaz “Über Massnahmen zur Gewährleistung von Gesetzlichkeit, Ordnung und öffentlicher Sicherheit auf dem Territorium der tschetschenischen Republik”; am selben Tag marschierten russische Truppen in Tschetschenien ein. Der Krieg dauerte bis zum 30. August 1996, als Lebed und Maschadow eine “Gemeinsame Erklärung” über weitere Verhandlungen unterzeichneten. Es wurde vereinbart, bis zum 31. Dezember 2001 eine politische Übereinkunft zwischen Russland und Tschetschenien auszuhandeln.