“Gezielte” Angriffe.
Wahllose Einsätze der russischen Streitkräfte
September —
Oktober 1999
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Ein Monat ist vergangen, seitdem am 22. September die russische Luftwaffe die Bombardierung Grosnys und anderer wichtiger Ortschaften in Tschetschenien begann.
In ihren Äußerungen über den Verlauf der Kriegshandlungen im Kauskasus im Herbst 1999 betonen die verantwortlichen Regierungskreise ebenso wie die Massenmedien (die hauptsächlich auf den offiziellen Äußerungen) immer wieder den Unterschied zwischen den gegenwärtigen Ereignissen und dem Tschetschenienfeldzug 1994-1996. * Besonders hervorgehoben werden — neben den geringen Verlusten auf förderaler Seite — die Zielgenauigkeit der von ihnen eingesetzten Waffen (darunter auch *) mit dem Ziel, die Terroristen zu vernichten und dabei die Verluste unter der Bevölkerung so gering wie möglich zu halten. Durch genau diese Argumentation findet das Verhalten der Regierung im Nordkaukasus Unterstützung seitens der Bevölkerung und der politischen Elite Russlands.
Jevgenij Primakov: “Die Präzisionsangriffe, wenn sie wirklich zielgenau erfolgen, wenn nur * Waffen eingesetzt werden, so bin ich sicher, daß * daß die Verluste unter der Zivilbevölkerung so gering wie möglich bleiben.” (Interview, Radiosender “Echo Moskaus”, 22.10.1999, 15.35 Uhr)
Sergeij Stepaschin: “Und die Hauptaufgabe, vor der heute die Einheiten der Armee un des Innenminsteriums stehen, das ist neben der Vernichtung der Banditenstellungen — das ist insbesondere zielgenaue Technik, Artillerie, Luftwaffe und Spezialeinsätze.” (Fernsehkanal TV 6, “Obosrevatjel”, 10.10.1999, 19.55 Uhr)
Genau über diese Mekrmale des miltärischen Vorgehens sprechen auch die Bürokraten unablässig, darunter auch Premierminister Wladimir Putin:
“Wladimir Wladimirowitsch … äußerte Worte aufrichtiger Freude über die Ausbildung und die Klugheit der Flieger und mit besonderer Wärme sprach er von den russischen Waffenschmieden, die diese Technik herstellen, die es erlaubt, die Standorte der Rebellen zu treffen und dabei Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden.” (Fernsehkanal NTW, 20.10.1999, 12.00 Uhr)
Wie glaubhaft sind die Äußerungen Putins Sogar die oben zitierten Politiker zweiflen an ihrer Wahrheit.
Sergej Stepaschin: “Schätzen wir die Kampfbereitschaft und die Stärke unserer Streitkräfte realistisch ein: Was wir zielgenaue Technik nennen. Im Verlauf der letzten fünf bis sieben Jahre wurde für die Reparatur genau dieser Technik, ich bitte um Verzeihung, kein einiziger Groschen ausgegeben.” (Fernsehkanal NTW, “Geroj Dnja”, 05.10.1999, 19.40. Uhr)
Die russischen Militärs und Bürokraten können noch soviel über den Einsatz zielgenauer Waffen sprechen — darüber wissen wir übrignes nur aus ihren eigenen Berichten. Jedoch lasaen sowohl die Verlautbarungen in den Medien als auch die Zeugenaussagen von Flüchtlingen, ja sogar eine einfache Gegenüberstellung von offiziellen Erklärungen russischer Amtsträger und Vertreter des Verteidigungsministeriums Zweifel an dem “gezielten” und ausgewählten Charakter des Vorgehens der förderalen Streitkräfte in Tschetschenien aufkommen.
1. Der Raketenangriff auf Grosny am 21. Oktober 1999
1.1. Die Berichte in den Medien
Am 21. Oktober 1999 gegen 18 Uhr Moskauer Zeit kam es in verschiedenen Stadtteilen Grosnys in kurzen Zeitabständen zu mehreren Explosionen. Entsprechend einer ersten Erklärung der Korrespondentin der Presseagentur “Associatitep”*, Mary Icemont, wurden dabei 118 Menschen getötet und über 400 Menschen verwundert.
Eine der Explosionen erfolgte auf dem Zentralmarkt in Grosny — “nach Aussagen von Augnezeugen, inmitten der Ladentische, wo gewöhntlioch mit Lederkleidung und Lebensmitteln gehandelt wird” (Interfax).
Darüber berichteten auch die Korrespondenten von Radio “Rossija” (Programm “Liberty Live”, 22.10.1999):
Andrej Babitzkij: “Die Explosion auf dem Zentralmarkt in Grosny, in dem Bereich, wo nicht mit Lebensmitteln, sondern mit Kleidung, Geschirr, Geräten und ähnlichem gehandelt wurde, traf Leute, die gegen Ende des Markttages, die nach der Arbeit dorthin geeilt waren, um die notwendigen Einkäufe zu erledigen. Heute morgen waren wir alle auf dem Markt. Ein ganzer Abschnitt mit Verkaufsständen, Buden und Überdachungen wurde bei dem Angriff zerstört.”
Peter Wail (Programmleiter): “Mit anderen Worten, das war ein ganz gewöhnlicher ”Kolchosmarkt", wie das früher genannt wurde
Andrej Babitzkij: “Genau, das war ein ganz gewöhnlicher Kolchosmarkt, wo mit Lebensmitteln gehandelt wurde; dort, wo die Detonation erfolgte, wurden Sachen verkauft. Wir befanden uns beim Gebäude des Generalstabes im Innenhof. Es erfolgten zwei Detonationen, danach flüchteten wir ins Untergeschoß. Diese Detonationen erfolgten ganz in unserer Nähe, buchstäblich 50-60 Meter von uns entfernt. Uns rettete, daß die Raketen auf die Außenseite des Hauses fielen und die Fassade zerstörten.”
Laut Aussagen des Leiters der Abteilung * des 9. Städtischen Krankenhauses in Grosny “ kamen irgendwann zwischen 17.15 Uhr und 17.20 Uhr [der Unterschied zur Moskauer Zeit beträgt eine Stunde — d.A.] alle Verwundeten, ungefähr 65-70 Personen, in dieses Krankenhaus” (Fernsehkanal NTW, “Sevodnja”, 22.10.1999, 22.00 Uhr).
Andrej Babitzkij: “Wir fuhren zum 9. Städtischen Krankenhaus. Dort bot sich uns folgendes schreckliches Bild: Der Boden war voller Verletzter, überall war Blut. Neue Verwundete, Tote und Sterbende wurden vor unserern Augen jede Sekunde herangeschafft. Busse, Kleinbusse und Personenfahrzeuge. Der ganze Innenhof des Krankenhauses war mit Autos vollgestellt, in denen schwer verwundete Menschen lagen; man schaffte gar nicht, sie alle ins Krankenhaus zu schaffen. Ich habe ungefähr 30 Menschen gezählt, aber nicht immer war klar, wer verwundet, wer tot war.”
Chasin Radujev: “Alle Raketen detonierten im Stadtzentrum Grosnys. Auf dem Zentralmarkt, der praktisch rund um die Uhr geöffnet hat, starben 61 Menschen. In der Moschee der Kalinin-Siedlung, in der sich zur Zeit des Abenbgebets etwa 60 Menschen befanden, starben 41. Eine der Raketen explodierte im Hof der einzigen in Grosny noch funktionierenden Geburtsklinik. Diesem Angriff fielen 13 Frauen und 15 Neugeborene zum Opfer. Weitere sieben Menschen starben durch Splitter an einer Haltestelle vor der Geburtsklinik. Viele Verletzte gab es auch bei der hauptpost, wo sich zum Zeitpunkt der Explosion mehrere Busse mit Fahrgästen befanden.” (Radio “Svoboda”, Programm “Liberty Live”, 22.10.1999)
Eine Einwohnerin Grosnys beschreibt das Geschehen im Umkreis des Marktes folgendermaßen: “Drei Raketen von irgendwoher, drei mal, als ob sie in der Luft explodieren würden, und danach fliegen die Splitter durch die Gegend. Ich weiß nicht, ob sie in der Luft explodiert sind.” (Fernsehkanal NTW, “Sevodnja”, 22.10.1999, 22.00 Uhr)
Eine andere Einwohnerin, Natalja Estimirova, saß zu diesem Zeitpunkt im Bus der Linie 7 nicht weit entfernt von der ehemaligen Hauptpost. Nachdem sie auf Seiten der Geburtsklinik die Detonation gehört und von dort eine graubraune Wolke Zeigelstaubs hatten aufsteigen sehen, versuchten sich die Fahrgäste in den Ruinen gegenüber dem Postamt in Sicherheit zu bringen. Genau in diesem Moment gab eine neue Explosion. Die Ruinen hielten stand, nur diejenigen, die durch das Dach von oben geschützt waren, wurden von unzähligen Splittern verletzt. (Interview N. Estimirova mit M. Zamyatin und A. Tscherkassov, Moskau “Memorial”, 25.10.1999)
In den Fernsehberichten am nächsten Tag wurden die Zerstörungen auf dem Markt gezeigt und deformierte Metallstücke — nach Aussagen der Tschetschenen Reste der Rakete “Semlja-Semlja”, “gewaltige, anderthalb Meter lange Splitter, auf denen Zahlen und kyrillische Buchstaben geschrieben waren”. (Andreij Babitzkij, Radio “Svoboda”, Programm “Liberty Live”, 22.10.1999)
Die genaue Zahl der bei dem Angriff am 21. Oktober Getöteten ist nicht bekannt — etliche sammelten unmittelbar danach die Reste ihrer toten Angehörigen für die Beisetzung ein. Viele der 100 Verwundeten, die sich in einem kritischen Zustand befanden, verstarben kurz darauf.
1.2. Die Kommentare der russischen Amtsträger
Innerhalb des folgenden Tages, den 22. Oktober 1999, gaben Amtsträger unterschiedlicher Rangstufen im Zusammenhang mit den Ereignissen des Vortages mindestens fünf verschiedene Kommentare ab.
Der Vorsitzende des russischen Informationszentrums (das speziell für die Information bei bewaffnetem Konflikten eingerichtet wurde), Alexander Michailow, erklärte in einem Interview im Nachrichtenprogramm “Sevodnja” (Fernsehkanal NTW), daß am Vortag kein einziges Flugzeug der russischen Streitkräfte die Stadt Grosny überfolgen hätten, daß auch keine strategischen Raketen des Typs “Semlja-Semlja” eingesetzt worden wären. Michailov schloß nicht aus, daß die Explosion in Grosny Ergebnis eines von den Rebellen vorbereiteten Terroranschlags ist.
Der Leiter des des Zentrums für Öffentlichkeitsarbeitdes Russischen Geheimdienstes (FSB), Alexander Sdanowitsch, erklärte in einem Interview auf Radio “Rossija”, daß der russische Geheimdienst in keinerlei Zusammenhang mit den Explosionen in Grosny steht. Er bemerkte außerdem, daß der FSB “Daten darüber hatte, daß auf dem Markt Waffen, Munition und explosionsartige Materialien lagerten. Mehr nocht, die Rebellen gingen davon aus, daß sie durch die große Anzahl von Menschen auf dem Markt vor der Luftwaffe und der Artillerie sicher seien. Asu diesem Grund lagerten sie dort große Mengen an Munition. Wir können deshalb nicht ausschließen, daß es zu einer spontanen Explosion dieser Munition kam, bei der Menschen ums Leben kamen.”
Alexander Wekltisch, Vorsitzender des Vereinigten Pressezentrums der förderalen Streitkräfte im Nordkaukasus, erklärte in einem Interview auf dem Fernsehkanal ORT, daß auf dem Zentralmarkt in Grosny am Donnerstag eine “Spezialoperation” gegen Waffenhändler durchgeführt worden sei.
“Nach Angaben des Nachrichtendienstes, wurde gestern im Gebiet der ‘Börse’ in Grosny ein Markt ausfindig gemacht, auf dem an Terroristen Waffen und Munition verkauft wurde. Im Rahmen einer Spezialoperation wurde der Markt zusammen mit den Waffen und der Munition sowie den Waffenhändlern vernichtet. Ich möchte besonders hervorheben, daß diese Operation von * Kräften ausgeführt wurde und daß dabei keine Artillerie oder Luftwaffe eingesetzt wurde.”
Auf die Frage, ob dieser “Spezialoperation” nicht auch friedliche Menschen zum Opfer gefallen seien, antwortete Weklitsch:
“Wissen Sie, bei Dunkelheit gehen friedliche Menschen nicht auf einen Markt, wo Banditen und Terroristen Waffen verkauft werden, sondern sitzen zu Hause. Aus diesem Grund, wenn es Opfer gab, so waren das Leute, die Waffen und Munition an die Banditen verkauft und sie somit unterstützt haben.”
Auf der Pressekonferenz in Helsinki sagte Premierminister Wladimir Putin folgendes: “Ich möchte unterstreichen, daß auf dem Markt in Grosny tatsächlich eine Explosion erfolgt ist. Jedoch möchte ich die Aufmerksamkeit der Pressevertreter darauf lenken, daß es sich dabei nicht um einen gewöhnlichen Markt im herkömmlichen Sinne des Wortes handelt, sondern um einen Waffenmarkt — so wurde dieser Ort in Grosny genannt. Dort war es Waffenlager, ein Waffenstandort, dieser Ort war ein Ausgangspunkt der Bandenbildung. Wir können nicht ausschließen, daß die Expolsion auf dem Markt Ergebnis eines Zusammenstoßes zwiscehn rivaliesierenden Banden ist.”
Zudem leugnete Putin eine Beteiligung der förderalen Streitkräfte an dem Vorgefallenen nicht; er widerlegte damit praktisch die Ausführungen von A. Weklitsch:
“Uns liegen Informationen darüber vor, daß von Seiten der förderalen Streitkräfte irgendein Spezialeinsatz durchgeführt wurde. Ja, solche Einsätze erfolgen regelmäßig. Es besteht also Grund zu der Annahme, daß eine solche Operation auch gestern durchgeführt wurde. Aber das steht in keinem Zusammenhang mit den Ereignissen in Grosny.”
Schließlich erklärte der Vorsitzende des * des Generalstabes der Russischen Förderation, Generaloberst Putilin:
“Zu dieser Zeit erfolgten keinerlei Angriffe auf Grosnyund die bewaffneten Kräfte waren daran nicht beteiligt. Grosny wird gegenwärtig nicht von den bewaffneten Streitkräften kontrolliert; in diesem Zusammenhang kann man die Objektivität der ersten Erklärung betonen, daß eine objektive Möglichkeit bis jetzt nicht gegeben ist.”
Durch seine Aussagen widerlegt auch Putilin die Erklärung Weklitschs. All diese Erklärungen brauchen kein Kommentar: Putilin, Putin, Weklitsch, Sdanowitsch und Michailov widersprechen einander gegenseitig.
Dennoch gab es am nächsten Tag von förderaler Seite als “letztes Wort” eine Version, die alle drei oben angeführten in sich vereinte. Vorgetragen wurde sie von Walerij Manilow, dem Sprecher des Vorsitzdenden des Generalstabes der russischen Streitkräfte*:
“Was die letzten Einsätze betrifft, unter anderem den am 21. diesen Monats in Grosny, so handelte es sich dabei um einen Spezialeinsatz. Im Ergebnis dieses breit angelegten Spezialansatzes kam es zum Zusammenstoß zwischen zwei großen, schon seit langem verfeindeten und rivalisierenden Banden; in einem schrecklichen Moment, als der Kampf zwischen ihnen seinen Höhepunkt erreichte, fing eines der nahegelegenen großen Waffen-und Munitionslager Feuer. Dieses Lager, das können wir jetzt genauer sagen, befand sich neben dem Abschnitt, wo seit längerer Zeit ein Waffen-und Munitionslager war. In diesem Lager, so zeigen operative Aufklärungsdaten, wurde eine ungeheure Menge verschiedener Waffentypen und Munition, darunter auch eine Rakete, zusammengetragen. Und so hat beim intensiven Schußwechsel, den ich bereits erwähnt habe, offensichtlich eine der Salven das Munitions-und Waffenlager getroffen, und es erfolgte eine gewaltige Explosion.” (Fernsehkanal NTW, “Sevodnja”, 22.10.1999, 19.00 Uhr)
1.3. Schlußfolgerungen
W. Putilin kommentierte die Ereignisse auf dem Markt in Grosny folgendermaßen:
“Wenn dorthin Raketen gafellen sind oder wenn der Markt von Raketen des Typs ”Semlja-Semlja" zerstört worden wäre, würden die Schäden ganz anders sein." (Fernsehkanal RTR, “Vesti”, 22.10.1999, 19.00 Uhr)
In der Tat ist eine Sprengung eines oder mehrerer kompakter hochexplosiver Materailien im vorliegenden Fall ausgeschlossen. Sogar Fernsehaufnhamen erlauben Rückschlüsse auf den Charakter der Zerstörung auf dem Markt von Grosny.
2. Das Flächenbombardement im Dorf Elistanschi am 07. Oktober 1999
Vom 09. bis 13. Oktober befragten die Mitarbeiter von “Memorial” und “Bürgerhilfe” tschetschenische Flüchtlinge in Lagern in Inguschetien (siehe 3. Kapitel). In fünf Berichten, die in vier verschiedenen Lagern aufgezeichnet wurden, erzählten die Flüchtlinge (darunter — Irana Gunajewa, Daud Magomadow und Saidin Imurjasew) über die Bombardierung des Dorfes Elistanschi am 07. Oktober, bei dem mehr als 30 Dorfbewohner getötet wurden. D. Madomadow war in Elistanschi auf der Beerdigung seiner bei der Bombardierung ums Leben gekommenen Nichte, Imani Musajewoj, 18 Jahre alt und im 6. Monat schwanger. Seinen Aussagen zufolge wurden im Dorf drei Strassenzüge zerstört, die an die Schule grenzten.
Im Zeitraum vom 07.-10. Oktober 1999 bereiste A.N.Mironow, ein Vertreter des Menschenrechtszentrums “Memorial”, Tschetschenien. Bei seinem Aufenthalt im Bergdorf Elistanschi entdeckte er eine Zone auffallend starker Zerstörung (300 x 800 m). Nach Aussagen der ansässigen Bevölkerung sind diese Zerstörungen Ergebnis von Bombenabwürfen, die am 05.10.1999 gegen 12 Uhr mittags aus grosser Höhe erfolgten. Auf diese Art erhielt der Ort ein Flächenbombardement.
Bei diesem Angriff kamen 34 Menschen ums Leben. Sie wurden auf dem Friedhof von Elistanschi beigesetzt. Laut der von den Dorfbewohnern aufgestellten Liste handelt es sich bei den Toten zumeist um Frauen und Kinder. Die Toten, die aus anderen Dörfern kommend in Elistanschi Schutz gesucht hatten (ihre Zahl ist nicht bekannt) wurden von ihren Angehörigen zur Beisetzung in ihre Heimatdörfer überführt und auf den dortigen Friedhöfen beerdigt.
In den Krankenhäusern von Schali und Grosny sprach der Memorial-Mitarbeiter mit Verwundeten aus Elistanschi (insgesamt etwa 20 Menschen). Unter ihnen war ein Mann, alle übrigen waren Frauen und Kinder. Die Situation in den Krankenhäusern hat sich nach dem Ausschluss Tschetscheniens vom gesamtrussischen Stromnetz stark verschlechtert.
Im Dorf Elistanschi und den Nachbardörfern konnte unser Mitarbeiter kein einziges Objekt ausmachen, das aus Versehen als militärisches Ziel hätte identifizieren können.
Angaben über die in Elistanshi getöteten Menschen, die unten aufgeführt sind, stammen aus zwei Listen, die jedoch nicht vollständig sind und aus unterschiedlichen Quellen stammen. Die erste wurde uns am 11. Oktober 1999 von Adlana Betmirsajewa (Komitee für Menschenrechte der Tschetschenischen Republik Itschkeria) aus Nazran zur Werfügung gestellt. Die zweite ist den Webseiten des Außenministerium der Tschetschenischen Republik Itschkeria entnommen (http: //mfachri.8m.com/ru/main/htm). (Von der ersten Liste abweichende oder diese ergänzende Angaben wurden in eckige Klammern gesetzt)
1. Appasow, Ramsan; Rentner; Veteran des Großen Vaterländischen Krieges; Träger mehrerer Orden
2. Arzuew, Artur; 16 [17] J.
3. Arzuew, Taisa; 13 [10] J.
4. Arzuew, Shamsan [Shamsa]; 13 [15] J.
5. Arzuew, Rachman 12 [7] J.
6. Arzuew, Saur; 7 [9] J.
7. Arzuew, Shamsuda [Shamsuddi]; 11 J.
8. Gechajew, Adam; Rentner [62 J.]
9. Gechajewa, Aischat; Rentnerin [60 J.]
10. Gechajewa, Epsi; Rentnerin [79 J.]
11. Gechajewa, Chishan; Rentnerin [71 J.]
12. Durdijewa, Sina; Hausfrau [43 J.]
13. Durdijew, Supjan; 50 [51] J.
14. Durdijewa, Usman; 44 [42] J.
15. Durdijew, Aslan; 16 [26] J.
16. Durdijew, Rachman; 12 [14] J.
17. Babajewa [Gabajewa], Madina; Hausfrau; [43 J.]
18. Muchmadow, Islan [Islam]; 18 [25] J.
19. Muchmadowa, Malkan; 22 [25] J.; Studentin
20. Nadajew, Sar-Ali; 18 [25] J.
21. Osupowa, Imani; 21 [20] J.
22. Petirowa [Petkirowa], Sashita; 14 J.
23. Ismailowa, Toara [Toar]; Rentnerin; [71 J.]
24. Saitowa [Sapatowa], Eset; Hausfrau [38 J.]
25. Saitow, Islam; 4 J.
26. Tschumanow [Tschumakow], Islam; 15 [10] J.
27. Chalesatow [Chasatow], Aadam; 4 [8] J.
Beide Listen geben dieselbe Anzahl von Toten an, enthalten jedoch verschiedene Angaben über Vor-und Familiennamen sowie Alter, außerdem …* Die Listen haben verschiedene Ursprünge, unterstützen sich gegenseitig. Sie bilden somit, obwohl nicht vollständig, eine glaubwürdige Quelle.
Die Listen führen sechs Menschen auf, die älter als 60 Jahre sind; sieben sind jünger als 14, elf Frauen; nur acht der Getöteten (und dafür spricht nur eine Liste) befanden sich im wehrdienstfähigen Alter, das heißt zwischen 14 und 60 Jahren.
Entsprechend der Liste der Verwundeten, die am 07. Oktober in der chirurgischen Abteilung des zentralen Kreiskrankenhauses in Schali aufgsetellt wurde, waren von 33 Verletzten elf Kinder unter 14 Jahren, drei Personen waren älter als 60 Jahre. Unter den 19 verletzten Erwachsenen (zwischen 15 und 60 Jahren) waren elf Frauen und acht Männer.
Laut Aussagen von N. Estimirowoj, der uns die Liste zur Verfügung stellte, betrug bis zum 21. Oktober die Gesamtzahl der Toten, die unmittelbar beim Bombenangriff getötet wurden oder später an den Folgen ihrer Verletzungen gestorben waren, 48 Menschen.
Betrachtet man die Opfer im Hinblick auf Alter und Geschlecht, so kann man mit Sicherheit davon sprechen, dass die Bombardierung des Dorfes Elistanschi wahllos erfolgte.
3. Die Bombardierungen und Angriffe auf Ortschaften: Berichte von Flüchtlingen
Vom 09. bis 13. Oktober 1999 befragten die Mitarbeiter von “Memorial”, L. Gendel, M. Zamyatin und A. Tscherkassow in den Auffanglagern in Inguschetien Flüchtlinge aus verschiedenen Regionen Tschetscheniens (Sunscha, Ordschonikidze, Karabulak, Kantischewo, Aki-Jurt):
Die Befragung der Flüchtlinge ergab, daß vor dem 10. Oktober folgende Ortschaften bombardiert * worden waren: Grosny und seine Vorstädte, die Städte Urus-Martan, Gudermes, Noschai-Jurt, Benoj, Samai-Jurt, Prawobereschnoje, Ken-Jurt, Naurskaja, die Bahnstation Naurskaja, die Siedlung Goragorsk.
Alle Flüchtlinge sprachen davon, dass sie aus Inguschetien geflohen seien, um ihr Leben und das ihrer Angehörigen zu retten. Praktisch alle flohen erst, nachdem in ihren Dörfern andere Menschen durch Bomben und Schüsse ums Leben kamen.Wir haben Dutzende von Zeugenaussagen gesammelt, wollen an dieser Stelle jedoch nur drei aufführen. Jeder Bericht wurde durch Flüchtlinge in unterschiedlichen Lagern bestätigt.
Am 27. September 1999 flogen im Vorort von Grosny vier Jagdbomber vom Typ SU-25 einen Angriff auf die Wohnsiedlung Staraja Sunscha. Dabei wurden zwei Hauser ganz zerstört und vier Hauser stark beschädigt. Im Untergeschoß einer Garage in der ul. Batukajew Nr. 6 kamen mindestens vier Menschen ums Leben: aus der Familie Temirsultanow — der 34jährige Ramsan, seine Mutter Taus (62 J.), seine fünfjährige Tochter und eine Bekannte der Familie, die 21jährige schwangere Lisa [Alijewa] Chadschichanowa, die mit ihren beiden Kindern, einem Mädchen von drei Jahren und einem anderthalbjährigen Jungen dort zu Besuch gewesen war. Im Nachbarhaus starb der 48jährige Abdul Umachew. Bis zu 50 Menschen erlitten Verletzungen. Dies berichteten fünf Flüchtlinge.
In Grosny versuchte die russische Luftwaffe Ende September/Anfang Oktober tagelang den Fernsehturm zu zerstören. Im Ergebnis mehrerer Treffer im Gebiet “56. Abschnitt” starben 18 Menschen; unter den Verwundeten waren mindestens zehn Kinder unter sieben Jahren. Darüber gaben sechs Flüchtlinge Auskunft.
Nach Aussagen der Flüchtlinge aus Urus-Martan bezogen die Wahhabisten dort ihren Stützpunkt in den Gebäuden der Veterinärklinik, des dazu gehörigen Labors sowie des Kriegskommissariats. Bei den Anfang Oktober stattfindenden Bombenabwürfen und Raketenangriffen wurde kein einziges dieser Objekte getroffen. Dafür wurde die Schule Nr. 7 zerstört, die sich auf der anderen Strassenseite gegenüber eines dieser Gebaude befand. Dabei kam der Lehrer Said-Chasan Sakrijev ums Leben, der sich in der Schule aufgehalten hatte. Mehr als 100 Meter davon entfernt schlug eine Bombe in ein Haus ein, in dessen Untergeschoss sich mehrere Menschen verborgen hielten. Dabei kamen mindestens sechs Angehörige der Familie Kerimov ums Leben: Chasan (46 J.), Adlan (49 J.), seine Frau Birlant (36 J.), ihre Tochter Rita (13 J.). Im Untergeschoß wurden auch Flüchtlinge aus Vedeno getötet: Letshi Algirejev (43 J.) und Kasbek Dunajev (37 J.). Im Keller ihrer Häuser starben Aset Dshananrilajeva (36 J.) und Abuasid Rasujev (49 J.). Marjam Gaitajeva (42 J.) wurde auf offener Straße durch Schüsse aus einem Maschinengewehr getötet. In der Schule Nr. 1 starb die Lehrerin Luisa Katajeva (26 J.). Sultan Bapajev (52 J.) und Achmed Chamsatov (47 J.), Wächter einer Getreidemühle, wurden bei dem Angriff auf den Getreidespeicher getötet. Darüber berichteten zehn Flüchtlinge.
Nach den Worten der Flüchtlinge können die völlig überfüllten Krankenhauser nicht mehr richtig arbeiten. So wird im städtischen Krankenhaus Nr. 9 in Grosny der Strom nur noch über einen Generator erzeugt. Gas gibt es nicht, demzufolge auch keine Heizung. Es herrscht ein akuter Mangel an Medikamenten. Das gleiche läßt sich auch über jedes andere beliebige Krankenhaus sagen. Das Krankenhaus in Grosny-Savodskij wurde sogar ganz und gar geschlossen.
Aus: “Chirurgische” Angriffe. Wahllose Einsätze der russischen Streitkräfte. September-Oktober 1999, Hrsg.: Gesellschaft “Memorial”, Moskau 1999 (bisher nur in Russisch erschienen).