23.12.1999
Information über die Situation in den Flüchtlingslagern der Republik Tschetschenien und Republik Inguschetien
In der Zeit vom 11. bis zum 17. Dezember 1999 arbeiteten die Mitarbeiter des Menschenrechtszentrums MEMORIAL T. Kasatkina, M. Zamyatin und D. Gruschkin auf dem Territorium der Republik Inguschetien und der Republik Tschetschenien, um die Lage der sich dort aufhaltenden Flüchtlinge zu untersuchen.
1. Die Auffanglager in Inguschetien
Nach Angaben des inguschetischen Migrationsdienstes waren bis zum 16.12.1999 249.037 tschetschenische Flüchtlinge auf dem Territorium der Republik Inguschetien registriert. Diese Zahl setzt sich wie folgt zusammen:
Somit befinden sich auf dem Territroium der Republik Inguschetien 207.914 Personen tschetschenischer Herkunft. Die Mehrzahl von ihnen wohnt bei inguschetischen Privatpersonen; die restlichen 20.000 sind auf fünf Lager verteilt. Vier dieser Lager befinden sich in der Nähe der Ortschaft Karabulak und unweit der Bahnstation Sleptsowskaja (76 Waggons in Karabulak und 127 in Sleptsowskaja). Das fünfte Lager, bestehend aus Zelten, befindet sich im Dorf Aki-Jurt.
In den Lagern in Karabulak und Sleptsowskaja hat sich, was die Lebensbedingungen der dort lebenden Menschen angeht, die Situation seit Anfang Dezember stabilisiert. Eine warme Mahlzeit pro Tag ist garantiert; die Banjas arbeiten.
Die Eisenbahnwagen, in denen die Flüchtlinge untergebracht sind, haben verschiedene Regionen Rußlands erreicht: Skt. Petersburg, Moskau, Astrachan, Archangelsk, den Ural und andere. Die Mehrzahl der Wagen ist sehr alt und befindet sich in einem Zustand, der eine Nutzung eigentlich nicht mehr zuläßt. Das Ministerium für außergewöhnliche Situationen der RI mußte einige der Wagen reparieren lassen, damit diese mehr oder weniger bewohnbar wurden. Anfang November traten aus Mangel an Kohle und Holz gravierende Probleme bei der Beheizung der Wagen auf; dieses Problem ist jetzt so gut wie gelöst: In den Waggons ist es relativ warm, außer in 30 Waggons in Karabulak, die sich in drei Kilometer Entfernung vom Hauptlager befinden. Mindestens drei dieser Wagen sind nicht geheizt, die Fenster sind eingeschlagen.
In den Zelten besteht der Boden aus Brettern, die auf die nackte Erde gelegt wurden, aus diesem Grund ist es dort relativ feucht. Die Anzahl der Personen, die in den Zelten leben, überschreitet bei weitem die Anzahl der Plätze: In einem 20-Personen-Zelt leben 30-35 Menschen, in einem 10-Personen-Zelt 15-20 Menschen.
Für die Kinder der Flüchtlinge gibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt fünf Schulen; drei weitere sollen noch hinzukommen. Das inguschetische Bildungsministerium garantiert den Ablauf des Schulbetriebes und leistet humanitäre Hilfe für die Schulen. Unterricht gibt es allerdings nur für die unteren Klassenstufen. Mit Beginn de neuen Jahres ist geplant, Unterricht für die Klassenstufen 5-7 (für Kinder von 12-14 Jahren) zu erteilen.
Ganz anders dagegen sieht die Lage im Lager von Aki-Jurt aus, das sich 30 Kilometer von Malgobek befindet. Delegationen, Journalisten und andere haben dieses Lager bisher praktisch nie besucht. In den Zelten gibt es keine Liegen und Matratzen. Fast alle Zelte werden mit Gas beheizt; die Luft ist aus diesem Grund sehr stickig, was insbesondere den Kindern bei der Atmung Probleme bereitet. Seit Einrichtung des Lagers hat die Banja nicht ein einziges Mal gearbeitet. Es gibt kein warmes Essen; Brot wird nur gegen Lebensmittelscheine ausgeteilt, diese muß man zuvor kaufen (ein Schein kostet einen Rubel), angeblich weil das Brot von Privatpersonen per Auto angeliefert wird. In den letzten Tagen wurde überhaupt kein Brot angeliefert, in den darauffolgenden Tagen ebenfalls nicht; dafür gab es aber auch keinen Ersatz. Aufgrund des schwachen Wasserdrucks fehlt es an Trinkwasser, so daß man zum Kochen Industriewasser verwendet. Für 1.500 Menschen, die in dem Lager leben, steht in der Küche nur ein Gaskocher zur Verfügung.
Mehrere Kinder in dem Lager benötigen eine Einweisung in ein Krankenhaus. Viele Menschen leiden an Asthma.
Am 12.12.1999, einen Tag vor unserer Ankunft im Lager, wurde folgende Bekanntmachung aufgehängt:
“An die Flüchtlinge aus der Republik Tschetschenien,
die sich auf dem administrativen
Territorium Aki-Jurt aufhalten.
Wir erklären hiermit, daß alle Flüchtlinge aus folgenden Regionen:
Nadtereschnuj, Schelkowskoj, Naurskaja, Atschkoij-Martan, Sewernowodsk
in ihre Heimatorte zurückzukehren haben. Sie erhalten keinerlei humanitäre Hilfe, da laut Beschluß des Ministeriums für außergewöhnliche Situationen und dem Migrationsdienst der Republik Inguschetien die humanitäre Hilfe für diese Gebiete direkt nach Tschetschenien geleitet wird und daher nicht von der Republik Inguschetien geleistet werden kann.
12.12.1999 Die Verwaltung"
Der Leiter des Migrationsdienstes des Kreises Malgobek leugnete jede Verantwortung für diese Bekanntmachung. Er gab zu verstehen, daß niemand gegen seinen Willen ausgewiesen wird und daß die humanitäre Hilfe weiter für alle gilt, die bleiben. Dies wurde uns auch vom Leiter des inguschetischen Migrationsdienstes, A. Osdojew, bestätigt, der in einem Gespräch am 16.12.1999 erklärte: “Es gibt keine Zwangsumsiedlung und es wird auch in Zukunft keine geben. Die Menschen können hier bleiben, wenn sie es möchten, oder in andere Regionen Rußlands ausreisen…”
2. Die medizinische Versorgung der Flüchtlinge
Aufgrund der Kälte gibt es in den Lagern viele Kranke; obwohl bisher offiziell von keiner Epidemie die Rede ist, leiden viel Kinder unter Darmerkrankungen. In allen Lagern gibt es eine Krankenstation, wo erste Hilfe geleistet wird. Die Verteilung der Medikamente übernimmt das inguschetsiche Gesundheitsministerium. Die Menge der Medikamente jedoch reicht bei weitem nicht aus, weder für die allgemeine Versorgung, noch in Einzelfällen.
In den Krankenhäusern Inguschetiens hielten sich bis zum 15.12.1999 insgesamt 3.958 Menschen auf, darunter:
77 Personen starben, davon:
1.067 Kinder wurden geboren, von denen 36 im Krankenhaus starben (einschließlich der Totgeburten). Eine Statistik zur Kindersterblichkeit existiert nicht, aber uns ist mindestens ein Fall eines Kindes bekannt, das an den Folgen einer Erfrierung starb.
Gegenwärtig halten sich 828 Personen in inguschetischen Krankenhäusern auf.
3. Die Auffanglager in Tschetschenien
3.1. Sewernowodsk (15.12.1999)
Die Registrierung der aus Tschetschenien geflohenen Personen begann am 15.11.1999. Offfiziell sind 43.350 Personen gemeldet, obgleich laut dem Verantwortlichen des Lagers Sewernowodsk, 5.000 Personen dort bereits vor Beginn der offiziellen Zählung eintrafen. Die Menschen leben zum Großteil im Gebäude einer ehemaligen landwirtschaftlichen Berufsschule, die jedoch nur Platz für 3.000 Personen bietet. Das Gebäude ist in keiner Weise für die Unterbringung von Menschen geeignet: Gasleitungen gibt es, aber keine Öfen; es gibt weder Heizung, noch Toiletten, keine Betten und Matratzen, kein wames Essen. Während unseres Aufenthaltes wurde kein einziges Mal humanitäre Hilfe geleistet.
3.2. Bahnstation Snamenskaja (16.12.1999)
In der Region Nadtereschnuj sind offiziell 20.000 Personen gemeldet, die aus den Gebieten der bewaffneten Auseinandersetzungen geflohen sind. Das Ministerium für außergewöhnliche Situationen hat zwei Zeltlager einrichten lassen, eines davon für 2.200 Personen, das andere für 3.500 Personen. Das erste ist bereits bewohnt, das andere wird in fünf bis sechs Tagen bezugsfertig sein. Solange sie dort noch keine Unterkunft haben, hausen die Menschen in Scheunen und anderen Behelfsunterkünften.
3.3. Bahnstation Assinowskaja
Laut Aussagen eines Vertreters des inguschetischen Migrationsdienstes ist das Lager, das sich in diesem Dorf befindet, noch nicht fertig. Dies wurde von einem Mitarbeiter von MEMORIAL bestätigt, der am 20.12.1999 das Lager besuchte.
Ungeachtet dessen, daß die Auffanglager in Tschetschenien noch lange nicht fertig sind und man dort noch keine Menschen unterbringen kann, hat man damit begonnen, die Flüchtlinge, die sich auf dem inguschetischen Territorium aufhalten, nach Tschetschenien zurückzubringen. Am 18.12.1999 wurden 36 Eisenbahnwagen — trotz der Proteste der darin befindlichen Personen — aus dem Lager Sewernuj in das Gebiet von Sewernowodsk verlagert.